Inge Dick, o.T., Öl auf Leinwand

Man sieht nur, was man sieht. Nicht mehr und nicht weniger.

Reine Malerei sozusagen. Es geht ausschließlich um Farbe – oder noch genauer: um Licht, denn ohne Licht gibt es keine Farben.

Nichts aus der Wirklichkeit (was ist wirklich wirklich?) findet Eingang ins Bild. Keine erzählte Geschichte lenkt ab, schweift aus.

Keine Spur von Ausdruck der Befindlichkeit der Künstlerin, keine Gefühle: alles scheint zurückgenommen.

Aus schier endlosen Partikeln ist das Bild aufgebaut aus kleinen aufgespachtelten Feldern. Schritt für Schritt, wie Dachschindeln aneinander gereihtes Weiß. Die feinen Grate bilden ein leichtes Relief wie ein Langlaufschi mit Schuppenbelag.

Mit dieser Metapher gleite ich ins weiße Bild wie durch eine Landschaft.

Aus der Nähe erscheint alles weiß. Aus der Distanz erwartet mich das Bild als geduldigen, einfühlsamen Betrachter. Ins Nichts / ins Weiß versenkt, gibt das Bild nach geraumer Zeit sein Geheimnis preis.

Zuerst  ahne ich, dann sehe ich in der Mitte  als eine Nuance dunkler eine senkrechte Linie. Inge Dick hat jeweils von den Rändern links und rechts zur Mitte hin dem Weiß in homöopathischer Verdünnung Kobalt und Ultramarin beigemengt.

Ein Geheimnis, das sich nicht fotografieren lässt. Es bleibt meiner Geduld, meiner Konzentration anheim gestellt- wie passend für einen Meditationsraum.

Zusammen mit der waagrechten Bildteilung entsteht die Urform des Kreuzes. Hier fühle ich mich nicht  ausgestreckt in die Gegensätze, sondern eingebunden.

Ein beruhigendes Bild.

 

Wolfgang Richter (Vorsitzender des Kunstbeirates von St. Virgil)